Das finnische Schulsystem kombiniert Lust und Leistung
Bogen. (dw) Schon seit den 90er- Jahren und im Rahmen des länderumspannenden Comeniusprojektes praktiziert Alfons Kitzinger, Oberstudienrat am Veit-Höser-Gymnasium, einen regelmäßigen Schüleraustausch der Bogener Schule mit finnischen und russischen Schulen. Auch im Rahmen der vielfältigen Unesco-Jubiläumsveranstaltungen am VHG waren Schülergruppen aus Finnland und Russland zu Gast. Der die Finnen begleitende Lehrer Kimmo Martiskainen – „school counsellor“, eine Art Berufsberater an der Schule –, stellte dabei das sehr spezielle und für uns ungewohnte Bildungssystem seiner Schule vor, die die Vorgaben des Landesbildungsplanes wie allgemein üblich, sehr individuell umsetzt.
Finnland legt neben den selbstverständlich zu vermittelnden generellen Unterrichtsgegenständen viel Wert auf die Förderung jedes einzelnen Schülers, auf seine Persönlichkeitsbildung und Kreativität, schon ab Beginn der Vorschulzeit. „Lust und Leistung sind bei uns nicht wie Feuer und Wasser, sondern werden so kombiniert, dass die Kinder echte Freude am Lernen entwickeln und Leistungen erzielen, die rund 75 Prozent von ihnen zu einem Hochschulstudium befähigen“, sagte der school counsellor, der mit einer rein in Englisch vorgetragenen unterhaltsamen Power-Point-Präsentation erahnen ließ, wie zwanglos der Unterricht in Finnland abläuft.
Die überaus vielen Eltern, Lehrer und deutschen und finnischen Schüler, die zu dieser Veranstaltung gekommen waren, brauchten aber ihre eigenen Englischkenntnisse nicht über Gebühr zu strapazieren, denn Alfons Kitzinger war ein ausgezeichneter Dolmetscher, der die Ausführungen, die immer wieder lebhaft diskutiert wurden, übersetzte. VHG-Direktor Helmut Dietl verwies auf das in Deutschland mit Schrecken aufgenommene Pisa-Gutachten. „Was machen denn die Finnen besser als wir?“ frage man sich, wenn man die hohe Zahl der dort mit guten und besten Abschlüssen in ihr zukünftiges Berufsleben entlassenen jungen Leute sehe.
Die Antwort darauf kam zunächst von Kitzinger – „Pisa spielt in Finnland überhaupt keine Rolle“ – und dann von Kimmo Martiskainen durch die Vorstellung seiner Gesamtschule in Kesälahti in Karelien in der Nähe des Ladogasees: „Erstens investieren die Finnen sehr viel Geld in Bildung, und zweitens werden die Kinder in einem Klima des Vertrauens in ihre eigenen Fähigkeiten und mit viel Respekt unterrichtet.
An seiner Schule mit rund 240 Schülern, einer politisch unumstrittenen Gesamtschule wie sie überall in Finnland bis zum 16. Lebensjahr üblich ist, arbeite man in einem Team von 24 Lehrern, wozu noch ein Psychologe, ein Therapeut, ein Sozialarbeiter und ein Förderlehrer gehören. „So ist bei uns gewährleistet, dass Schulen tatsächlich die Treibhäuser der Zukunft werden können.“ 53 Prozent der Schüler gingen nach der neunten Klasse an die weiterführende Oberschule – etwa unser Gymnasium – oder an beruflich ausgerichtete Schulen.
Ganz wichtig sei auch die ein Jahr dauernde und verpflichtende Vorschule, an der Lehrer und Erzieher die Kinder auf ihre Lernfähigkeit vorbereiten. „Bei uns fängt der Unterricht erst um Viertel nach neun Uhr an und dauert etwa bis 15 Uhr. Es gibt kein Büchergeld, die Busse zahlt der Staat, Brotzeiten und Mittagsbetreuung sind frei.“ Besonders verpflichtend für jede Schule seien der Unterricht in der Landessprache und die Erziehung absoluter Lesefertigkeit, denn darin bestehe die Grundlage zum Verständnis aller anderen Fächer, die sich übrigens die Schüler etwa ab der fünften Klassen, zwar alle verpflichtend, aber selbst in einem individuellen Plan zusammenstellen dürften.
Einfluss auf die Einstellung der Lehrer hätten zu einem großen Teil die Gemeinden, die Bezahlung übernehme zu 57 Prozent die Regierung und zu 43 Prozent die Gemeinde. Zusammenfassend, sagte der Referent, gelte für das finnische Schulsystem der Satz: „Langsam starten, dann Gas geben.“
Straubinger Tagblatt, 27.3.2006