Im Karussell der Wünsche - Die Theatergruppe verzaubert sein Publikum mit der Adaption des Romans „Der Herr der Diebe“

02Jul2018

Erwachsen oder nicht erwachsen sein – das ist hier die Frage, die am vergangenen Donnerstag und Freitag auf der Bühne des Kulturforums Oberalteich gestellt wurde. Dort setzte die  Theatergruppe des Veit-Höser-Gymnasiums den Roman „Herr der Diebe“ von Cornelia Funke in der Bühnenfassung in Szene.

Das im Jahr 2000 erschienene Buch ist ja bereits ein fester Bestandteil des Jugendbuchkanons und wurde auch erfolgreich verfilmt. Den dort wird die Geschichte des Geschwisterpaares Prosper und Bonifazius, kurz Bo, erzählt, das auf der Flucht vor seiner Tante ist und dabei in Venedig landet. Venedig war die Traum- und Sehnsuchtsstadt für Prospers und Bos alleinerziehende Mutter, und diese Leidenschaft hat sie auch in ihren 12- und 5-jährigen Kindern geweckt, sodass es für sie nahe liegt, nach dem Tod der Mutter gerade dorthin auszureißen. Denn da die Tante der beiden nur den kleinen Bo adoptieren wollte, trennte sie herzlos die Geschwister und überließ Prosper (dargestellt von Laura Benz) dem Kinderheim, der voller Sorge um seinen kleinen Bruder (Andreas Kett bzw. Lars Gruber) die gemeinsame Flucht aus Deutschland wagt. In Venedig treffen sie schließlich auf eine Diebesbande von Kindern und Jugendlichen, die unter dem Anführer Scipio steh,  dem „Herrn der Diebe“ (Paul Sommer), und die beiden aufnimmt.

Hier setzt die Bühnenfassung ein und mit viel Charme wurden die turbulenten Ereignisse in Szene gesetzt. Denn Tante Esther (resolut gespielt von Laura Finkl) und der ihr gefügige Onkel Max (Michelle Fuhrmann) reisen aus Deutschland nach Venedig und wollen die beiden, vor allem Bo, mit Hilfe einer Detektivin (Vanessa Weiß) und deren Assistenten (Bastian Wolf) einfangen.

Mit Foto-Projektionen und Filmeinspielungen auf die große Leinwand im Hintergrund wurde dabei das Bühnenbild so gestaltet, dass die Zuschauer sich in die Lagunenstadt versetzt fühlen konnten. So wechselten kurzweilig die Schauorte zwischen Kanälen, Markusdom und Plätzen, wo sich das Katz-und-Maus-Spiel entwickelte. Noch dynamischer wird die Geschichte durch einen mysteriösen Grafen, ein alter Herr, der an den Herrn der Diebe herantritt und einen Diebstahl in Auftrag gibt: Ein Löwenflügel, das letzte Teil eines Karussells, soll gestohlen werden. Wie sich herausstellt, kann man sich durch eine Fahrt auf diesem magischen Karussell verjüngen – oder erwachsen werden. Für Scipio ein Traum, denn wenn er sich auch großspurig als armer Gesetzloser und Waise ausgibt, ist er Sohn eines zwar reichen, aber lieblosen und äußerst strengen Elternhauses, das ihm keinerlei Freiheiten zugesteht. Eine Karussellfahrt wäre ein Ritt in die große Freiheit der Selbstbestimmung. Der spröde und leicht zynisch auftretende Graf (Moses Jäschke), ein alter Mann, will aber damit in die Jugend zurückkehren; für das Scipios Ansinnen, älter und erwachsen zu werden, hat er nur ein bissiges Urteil: „Nur Kinder können so dumm sein!“ 

Als Zuschauer ist man mit Prosper zwischen beiden hin- und hergerissen: Auf der einen Seite will Prosper endlich nicht mehr Spielball der Erwachsenenwelt sein, auf der anderen will er einfach das Kind bleiben, das er ist. Dieser Konflikt mag auch den großen Erfolg des Buches und auch des Filmes erklären: Was wäre, und sei es auch nur für kurz, wenn man wieder jung, wenn man endlich erwachsen wäre – wäre das nicht der Schlüssel für all die Schwierigkeiten, die man hat?

Mit großer Spielfreude setzte die 19-köpfige Theatergruppe unter der Leitung von OStRin Marion Stojetz die Bühnenfassung um. Zusammen studierte sie mit Schülern und Schülerinnen von der 5. Klasse bis zur Q11 seit Schuljahresbeginn das Stück ein und machte damit zwei schöne Theaterabende möglich. Gespannt sah man der Entwicklung und der Handlung zu, die mit Verfolgungsjagden auch durch den Zuschauerraum führte. Auch der Spielwitz kam nicht zu kurz, immer wieder lockerten humorvolle Dialoge die spannende Handlung bis zum positiven Schluss auf.

Und das Ende des Stücks ist zumindest in gewissem Maße ein Happy End: Das Karussell verbrennt zwar durch einen Unfall, Prosper und Bo können sich aber mit Hilfe des erwachsenen Scipio aus den Fängen der Tante befreien und eine glückliches gemeinsames Leben in Venedig beginnen.

Und der Zuschauer kann sich weiter fragen, was besser wäre: Erwachsen zu werden oder noch einmal jung zu sein oder zu bleiben?

Sehr schön haben das Stück und die Gruppe gezeigt, dass man auf jeden Fall die Zeit nutzen sollte, die einem gerade zur Verfügung steht.

Die Diebesbande berät auf einer Piazza in Venedig ihren nächsten Coup

Ida Spavento (Anna Wittmann), die Besitzerin des gesuchten Löwenflügels, weiß sich zu wehren

Die gesamte VHG-Theater- gruppe mit ihrer Leiterin OStRin Marion Stojetz