Georg Tomys - ein Kultschauspieler tritt ab

01Feb2020

Egal, ob Balou , der Tanzbär aus dem „Dschungelbuch“, Dr. Scott aus der „Rocky Horror Show“, der Wirt aus „Don Quichote“ oder wie im vergangenen Jahr „Franz Kojak“, der Kommissar in der Krimikomödie „Tango mortale“, der Mathe- und Physiklehrer Georg Tomys schlüpft in jede Rolle. Fast in jede, denn die tragischen mag er nicht so, sein Metier sind die komischen, leicht schrägen Figuren. Sie entsprechen seiner optimistischen, lebensbejahenden Weltsicht viel mehr. In der kommenden Woche, am Donerstag, 06. und Samstag, 08.02.,  nun steht er nach 22  Musicals  (voraussichtlich) zum letzten Mal auf der Bühne, besser gesagt in der Dreifachturnhalle in Bogen, wenn  in der Westernkomödie „The Golden Cactus“  der wilde Westen gleich hinter Bogen anfängt und er einen mit allen Wassern gewaschenen  Gangsterboss gibt. 

„Ruhe!“ – „Noch ruhiger!“ – „Absolute Ruhe!“, so die kräftigen und zugleich beschwörenden Worte aus dem Munde eines Schulmannes, der versucht, etwas Disziplin in einen gut vierzigköpfigen Haufen von Jugendlichen zu bringen, die in einem zu kleinen Kellerprobenraum, heißblütig mit den Hufen scharrend, nach einer langen Schulwoche mit rockigen Sounds ein wenig Dampf ablassen wollen. „Einzählen bitte“, so das Kommando an den Drummer, und los geht es mit einer nicht zu überhörenden Lautstärke, die die Ohren zum Surren bringt. Selten, ganz selten platzt ihm der Kragen, wenn die „lieben“ Kleinen partout nicht gehorchen wollen und sich verständlicherweise nach sechs Stunden Unterricht  noch einmal konzentrieren sollen.

Musiker war er schon immer. Als Jugendlicher in der Ittlinger Kirchenband, aus der dann die „Royals“ erwuchsen, eine erfolgreiche Tanzmusikband, die bis in die Neunziger hinein im Landkreis und außerhalb tourte. Aber mit Schlagzeugspielen und Singen allein ist es ja nicht getan. Die Gäste in den Pausen zu unterhalten, gehört auch dazu. Mit Gags und Wortgefechten auf der Bühne mit den Musikerkollegen hält man die Tanzenden bei Laune.  Hier zeigt sich schon das Faible fürs Komödiantische, man könnte auch sagen das Talent für Entertainment oder – etwas drastischer ausgedrückt -  für eine Rampensau. Und weil sich an der Schule, dem Veit-Höser-Gymnasium Bogen, aus bescheidenen Anfängen heraus die Musiktheatergruppe entwickelte, war Georg Tomys der richtige Mann an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Zunächst als Schlagzeuger und, weil wieder mal die passende Besetzung für eine Rolle nicht zur Verfügung stand, vermehrt als  Schauspieler und Sänger. Auch wenn er mit Pavarotti nicht mithalten kann, so ist er auf der Bühne unschlagbar. Für Blödeleien ist gesorgt, und das schätzt das Publikum an ihm. Für halbe Sachen ist er nicht zu haben. Sollte es die Rolle erfordern, tanzt er auch mal auf der Bühne, was das Zeug hält, wie beim Steppen des Bären Balou, bis ihm bei seiner heißen Sohle die Achillessehne riss. Aber er hielt die Aufführung durch, biss auf die Zähne bis zum nächsten Morgen, als dann die Chirurgen im OP  schon mit gewetztem Skalpell auf ihn warteten.  

Daneben ist er der Einpeitscher, man könnte auch sagen der Animateur und Mutmacher, wenn kurz vor dem Auftritt die Nerven flattern. Oder aber die humorige Seele im Ensemble, sollte mal die Stimmung im Keller sein. Ein Witz von ihm, und diese schlägt um ins Heitere.

Unersetzlich ist Georg Tomys auf den jährlichen Auslandsfahrten, die die Truppe unternimmt, nach Arco am Gardasee, Esztergom in Ungarn oder nach Frankreich bzw. auf den Probentagen in St. Englmar. „Da musst du dabei gewesen sein“, so Schüler hinter vorgehaltener Hand, denn sie bringen  Abwechslung in den eher drögen Schulalltag. Vor allem mit den Kleinen versteht es der Senior der Truppe, wenn er mit seinen Spielchen wie „Ripldipl“ oder Mathequizfragen die Kinder zum Staunen bringt. Wenn alles nichts mehr hilft, greift er zur Gitarre, um den „Mörder Wurm“ zum Besten zu geben und den Kids einen gehörigen Schrecken einzujagen.  Kurz vorm Zubettgehen. Und das alles mit drei Akkorden, egal welches Lied, mehr braucht er nicht. Das mögen die Kinder.

Musikalisch lebt der Mann auf der Bühne von seinem Gehör. Noten kennt er nicht, für ihn sind es nur Kleckse auf weißem Papier. Mit ihnen steht er auf Kriegsfuß. „Brauch ich net“, lässt er so nebenbei verlauten. „Ja, hörst du denn dös net?“, fragt er manchmal ungläubig einen Schüler, der, zwar auf das Notenblatt stierend, eben nicht hört, dass der Akkord oder das Gitarrensolo nicht stimmen. Was das Auswendiglernen des Textes betrifft, so ergeht es ihm wie mit den Noten. „Du musst spontan sein, wenn du mit dem Tomys auf der Bühne stehst“, verraten die Schüler, denn manchmal kommt eben das erwartete Stichwort für den eigenen Einsatz nicht. Stattdessen lautet eben der Text ganz anders, als er im Libretto steht.

 

Zusammen mit dreizehn Abiturienten, die ihr Studium aufnehmen, muss ihn die Musiktheatergruppe in die Pension entlassen. Aber ob das dann schon alles war? Wenn wieder mal eine Rolle nicht besetzt werden kann, wer weiß? - „Ah, da gibt`s ja noch den Tomys! Holen wir ihn aus der Pension!“

Hans Sagstetter