UNESCO

Mit dem Zug in eine „exotische“ Welt: VHG ist eine der Campus-N-Schulen und befasst sich mit nachhaltigem Reisen

„Wirkstatt Nachhaltigkeit“ heißt ein neues Modellprojekt für Schulen in Bayern, das jetzt begonnen hat. Nur zwölf Schulen sind als Teilnehmer für Niederbayern für den sogenannten „Campus N“ ausgewählt worden – eine davon befindet sich im Landkreis: das Veit-Höser-Gymnasium Bogen. Als Thema haben die Schüler zusammen mit ihrer projektbetreuenden Lehrerin sich für das nachhaltige Reisen entschieden.

Bereits vor zwei Jahren hat das bayerische Kultusministerium „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ als schulart- und fächerübergreifendes Bildungs- und Erziehungsziel im „Lehrplan plus“ verankert. Das neue Modellprojekt soll zum Erreichen dieses Ziels beitragen, wie Kultusstaatssekretärin Anna Stolz, die zugleich Vorstandsvorsitzende der Stiftung Bildungspakt Bayern ist, bei der Vorstellung im Sommer erläutert hat.

Die Stiftung hat den Schulversuch „Wirkstatt Nachhaltigkeit“ ins Leben gerufen, der von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft unterstützt wird. „Die Lehrkräfte greifen gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern Themen aus der Lebenswelt der jungen Menschen auf und entwickeln Ideen, die im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ökologische, ökonomische und soziale Ziele miteinander verknüpfen“, teilte Stolz mit. Im Rahmen von „Campus N“ sollen Schülerteams, ausgehend von konkreten, selbstbenannten Problemen, kreative Lösungsansätze entwickeln. Im Fall des Veit-Höser-Gymnasiums (VHG) ist es die Unesco-Gruppe, die am Projekt teilnimmt. Auf die Idee, sich mit dem nachhaltigen Reisen zu befassen, sind die Mitglieder gekommen, als sie jüngst im Rahmen des Wahlkurses Unesco nach Cuxhaven fuhren, um fünf Tage lang das Welterbe Wattenmeer zu besuchen. Bei Unternehmungen wie einer Wattwanderung oder einem Parcours im Museum „Windstärke 10“ lernte die Gruppe vieles über die Natur in diesem Gebiet, das sich vom Bayerischen Wald doch sehr unterscheidet.

Nach Cuxhaven gefahren wurde mit dem Zug, denn „nachhaltiges Reisen war ebenso Teil des Lernziels“, wie Unesco-Schulkoordinatorin Heidi Schießlbauer erläutert, die die Fahrt leitete und nun auch das Campus-N-Projekt betreut. Die Fahrt dauerte acht Stunden, wurde aber von den Teilnehmern als durchaus angenehm erlebt: Mit Musikhören, Serienschauen, Lesen oder dem gemeinsamen Kartenspiel verging die Zeit wie im Flug. An die Nordsee kann, wer nachhaltig reisen will, gut mit dem Zug fahren. Welterbestätten, die auf anderen Kontinenten liegen, wären so nicht zu erreichen. „Es geht also auch darum, sich schon das richtige Reiseziel auszusuchen“, sagt Heidi Schießlbauer. Die Gruppenmitglieder kamen sich bereits an der Nordsee vor wie in einem anderen Land. Besonders „exotisch“ für sie: die Erfahrung, dass das Meer plötzlich „weg“ ist.

Wie die Natur die Pläne der Menschen durchkreuzen kann, erlebten die Jugendlichen dann auch gleich. Als sie eine Kutschfahrt durchs Watt unternahmen und eigentlich zur Insel Neuwerk hinüberfahren wollten, war am zweiten Priel, den die Wattwagen hätten durchqueren müssen, Schluss. An diesem Tag stand der Pegel in diesem Wasserlauf im Watt offensichtlich höher als sonst üblich. Zwar hätte die Hinfahrt noch bewerkstelligt werden können – die Mädchen und Buben im Wagen mussten schon die Füße anziehen, weil der Boden geflutet wurde –, bei der Rückfahrt jedoch wäre der Wasserstand zu hoch gewesen.

Der Transfer vom Bahnhof zur Jugendherberge geschah bei An- und Abreise mittels Großraumtaxi – ein Vorgehen, das jetzt, beim „Campus N“, hinterfragt wird: Hätte man die drei Kilometer Wegstrecke nicht genausogut zu Fuß zurücklegen können? Oder auf den nächsten Bus warten? Dass sowohl die Fragestellungen als auch die etwaigen Lösungsmöglichkeiten aus den Reihen der Schüler selbst kommen, ist in den Augen von Lehrerin Heidi Schießlbauer ein großer Vorteil: „Das ist etwas ganz anderes im Vergleich zu einem Projekt, das die Lehrerkonferenz beschlossen und vorgegeben hat.“ Das Interesse junger Menschen sei viel größer, wenn es um ihr eigenes Projekt gehe, um eine Idee, hinter der sie selbst mit ihrem Engagement stehen.

Ende November hat es ein „Camp“ der Stiftung Bildungspakt Bayern gegeben – aufgrund der Coronapandemie nur digital –, bei dem drei Schülerinnen der Unesco-Gruppe des VHG das Gymnasium vertreten durften: Hanna Heckel, Luisa Niemeier und Amelie Dilger. Sie befassten sich dabei mit verschiedenen Aufgaben, beispielsweise der Fragestellung, was an der Schule noch nachhaltiger gestaltet werden könnte. Auf dieses „Camp“ folgen weitere, dann kommt die eigentliche Projektphase und im Mai der Abschluss in einer sogenannten „Challenge“ – wobei das Projekt an und für sich auch noch länger laufen kann.

In der Bewerbung für die „Wirkstatt Nachhaltigkeit“ hatte die Schule aufgelistet, was in der Vergangenheit bereits alles für die Nachhaltigkeit geschehen ist, von Baumpflanzaktionen über kreative grüne Pausenhofgestaltung bis hin zu einem Müllkonzept. Ferner wurden W-Seminararbeiten, die sich mit Klima- und Energiethemen befassten, zitiert. Die Schule ist nicht nur seit 1996 anerkannte Unesco-Projektschule, sondern seit 2007 auch durchgehend ausgezeichnet als „Umweltschule in Europa – Internationale Agenda 21-Schule“.

„Global denken – lokal handeln“ laute die Schulphilosophie, betont Heidi Schießlbauer. Am VHG stünden „fachübergreifend im Unterricht und darüber hinaus besonders jene schulischen Aktivitäten im Fokus, die sich mit der Energiewende und mit den damit verbundenen Herausforderungen und Aufgaben beschäftigen“. Das Gymnasium verfolge permanent das Ziel, „einen aktiven Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz und somit zur Energiewende zu leisten“.

Andrea Prechtl

(Bogener Zeitung / Straubinger Tagblatt; 06.12.2021)